30. Tag – Ankunft in Santiago!

In Kürze:

Provinz: Autonome Region Galicien

28. Etappe von Camino das Ocas bis Santiago

Wegstrecke: 35 km bis Santiago

Schritte gelaufen: 60’994

Gewicht geschätzt: Eigengewicht 84 kg / Zuladung (Rucksack) 13 kg / Total 97 kg

Höhenunterschied: 250 m Aufstieg und 280 m im Abstieg

Temperatur: morgens 6:30h 18 Grad / ab Mittag 33 Grad, Vormittag leicht bewölkt, Nachmittag: wolkenlos

Schuhwerk: Salomon Runners

Wasserkonsum: 4 Liter

Inventar an Blessuren:

linker Fuss: mittelgrosse Blase am Aussenrist hinten,  eine kleine Blase auf vierter Zehe,  kleine Blase an kleiner Zehe ist besser.

rechter Fuss: eine mittelgrosse Blase am Aussenrist hinten

Nach genau 1 Monat bin ich heute um 16:05 angekommen auf der Praza do Obradoiro, dem grossen Platz direkt vor der Kathedrale in Santiago (Catedral de Santiago de Compostela).

Ich kann hier kaum beschreiben, was für ein ergreifender Augenblick das war. Ich hatte Gänsehaut und wie viele andere Freudentränen in den Augen. Ich hab mich auf dem grossen Platz auf den Rücken gelegt mit dem Rucksack als Unterlage und habe einfach alles einen langen Moment auf mich einwirken lassen.


Mein Rucksack, welchen ich fast 800 km hierher getragen habe


Die ganze Reise lief wie ein Film vor meinen Augen ab. Ich erlebte nochmals die Reise mit allen Höhen und Tiefen mit allen Qualen, Leiden und Schmerzen, die ich in den letzten vier Wochen erleiden musste. Aber auch die vielen schönen, Herz ergreifenden und unvergesslichen Momente sind vor meinem geistigen Auge Revue passiert. Noch nie hatte ich solche Tiefs und Hochgefühle gleichzeitig erlebt.

Die Pilger, die mit mir angekommen sind aber auch Unbekannte, die kurz vorher oder nachher eingetroffen sind, sind uns gegenseitig in den Armen gelegen und haben uns gratuliert und geweint. 

Ich glaube wirklich der Apostel Jakobus hat seine Hände im Spiel gehabt – jedenfalls hatte ich noch selten so intensive Gefühle, wenn überhaupt schon einmal erlebt. 


Ein Selfie durfte auch nicht fehlen 👍


Leider stehen bis Ende 2016 noch Gerüste an der Kathedrale 

Wir erzählten uns gegenseitig was uns gefallen, aber auch was uns missfallen und gestört hat. Von den vielen Leuten,  die mir auf der Reise begegneten, sind jetzt am Schluss nur ganz wenige mit mir angekommen. Die meisten sind noch unterwegs und werden erst gegen Ende Woche eintreffen oder noch später. Gleichzeitig mit mir heute angekommen sind nur Erin, der Holländer und Iliara, die Italienerin aus Milano. Maike aus Kassel ist auch heute eingetroffen. Ich habe sie aber erst beim Rundgang durch die Stadt gesehen.

Nachdem wir uns wieder einigermassen erholt und alle News ausgetauscht hatten, machten wir uns auf den Weg in eine Nebengasse, ganz in der Nähe der Kathedrale. Dort wird jedem Pilger die persönliche Compostela, die kirchliche Urkunde ausgehändigt und auf Wunsch einen Leistungsausweis über die zurückgelegten Kilometer und den Ort wo man den Jakobsweg begonnen hat.

Hier ist meine Compostela. Ich wusste nicht, dass mein Name lat. Marcum heist 

Der Andrang ist sehr gross, obwohl an 15 Schalter gleichzeitig gearbeitet wird. Es dauerte über eine Stunde bis ich endlich an der Reihe war. 

Der Mann hinter dem Schalter gratulierte mir von Hand und fragte mich wie ich den Jakobsweg empfunden hätte und als ob er Kenntnis von meinem Blog hatte, fragte er, wie es meinen Blasen geht? Zum Schluss wollte er noch wissen, aus welchen Gründen ich den Jakobsweg gelaufen bin? Zur Auswahl standen: religiöse, spirituelle, kulturelle oder touristische Motive. Man konnte auch mehrere Antworten geben.

Der Leistungsausweis bestätigt, dass ich 775 km von St. Jean Pied de Port bis nach Santiago de Compostela gelaufen bin


Dann wurde der Pilgerpass mit dem Santiago Stempel abgestempelt. Ohne diesen gibt es die Compostela nicht


Danach haben wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft gemacht. Das war nicht so einfach, weil sich neben vielen Hunderten oder Tausenden Pilger auch Tausende von normalen Touristen das ganze Jahr über in Santiago aufhalten. Wir fanden dann schliesslich eine private Unterkunft, die uns auf dem Tourist Office ausgehändigt wurde. Viele Private sprechen einen aber auch direkt in der Stadt an, ob man eine Unterkunft sucht.
Wir haben uns zum Abendessen in einem von einem Privaten empfohlenen, feinen Restaurant getroffen, nachdem wir zuerst geduscht und uns frisch gemacht hatten.  Wir sind zuerst zu viert gewesen 


…aber später kamen noch weitere vier dazu, die erst gegen Abend eintrafen und gegen 50 km zurücklegten am letzten Tag. Der Drang in Santiago endlich anzukommen ist bei allen gross und motiviert am Schluss nochmals zu Höchstleistungen.


Das Essen war wirklich vorzüglich, jeder bestellte was er wollte und mich hat es am Schluss € 18 gekostet (Filet mit Gemüse, Pommes-Frites, Crème brûle und viel guten Rotwein).

Für die meisten ist hier die Reise fertig oder sie fahren mit dem Bus zum Kap Finisterre. Ich will zu Fuss in 3 Tagen dorthin laufen. Finisterre hat für mich eine ganz spezielle Bedeutung. Ich bin im Winter 2013 bei der Überführung von YAKIRA ab La Rochelle nach Mallorca am Kap Finisterre vorbei gekommen. Dani und Rolli mögen sich erinnern, wie wir bei der Überquerung der Biskaya, A Coruna und das Kap Finisterre tage- und nächtelang bei schwierigen Bedingungen ansteuerten. Mit der Passage des Kap Finisterre  war die Biskaya überwunden und der Kurs konnte gegen Süden, der Sonne entgegen, geändert werden. Deshalb übt Finisterre eine magische und mythische Anziehungskraft auf mich aus. Ich will das Ende der Welt, wie das Kap Finisterre bis ins Mittelalter genannt wurde, nun auch noch auf dem Landweg erkunden. Dann wird der Kreis geschlossen.

Am Morgen auf dem Weg nach Santiago musste als letzte Hürde noch den Monte do Gozo erklommen werden. Millionen von Freudenseufzern sind hier im Laufe der tausendjährigen Pilgergeschichte hier ausgestossen worden. Denn von hier sieht man das erste Mal die Kathdrale.  Das Denkmal soll an den Papstbesuch 1993 erinnern


Am Ortseingang von Santiago machte die Freude ihren Anfang


Bereits morgen werde ich alleine losmarschieren Richtung Finisterre, nachdem ich um 8h zuerst die deutsche Pilgermesse in einer Kapelle besuchen werde und danach das Grab des hl. Jakobus, denn erst damit ist offiziell die Pilgerreise abgeschlossen. Die grosse offizielle Pilgermesse, welche täglich um 12h in der Kathedrale stattfindet, werde ich dann am Samstag besuchen.

Gegen 24h haben wir uns gegenseitig verabschiedet. Einige werde ich am Freitag, wenn ich mit dem Bus aus Finisterre zurückkomme, wieder treffen und nochmals zusammen mit den KollegInnen, die dann ankommen werden, feiern.

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