33. Tag  – Ankunft am Ende der Welt

In Kürze:

Provinz: Autonome Region Galicien

31. Etappe von Olveiroa bis Finisterre 

Wegstrecke: 31 km bis Finisterre

Schritte gelaufen: 33’415

Gewicht geschätzt: Eigengewicht 84 kg / Zuladung (Rucksack) 13 kg / Total 97 kg

Höhenunterschied: 430 m Aufstieg und 700 m im Abstieg

Temperatur: morgens 6:30h 13 Grad / ab Mittag 33 Grad, Vormittag bedeckt aber trocken, Nachmittag: wolkenlos

Schuhwerk: Salomon Runners

Wasserkonsum: 3 Liter  

Inventar an Blessuren:

linker Fuss: mittelgrosse Blase am Aussenrist hinten fast verheilt, eine kleine Blase unten an zweiter Zehe ist fast verheilt, kleine Blase an kleiner Zehe ist fast verheilt

rechter Fuss: mittelgrosse Blase an Aussenrist hinten ist fast verheilt 


Eine lange aber sehr attraktive Etappe zum Atlantik erwartet mich. Zuerst erinnert die Landschaft wie in den vergangenen Tage an Heidelandschaften. Dann plötzlich wird die Küste sichtbar und der Weg gibt die Sicht frei auf malerische Buchten bis ich Finisterre erreiche. Einzig kahle Stellen unterwegs erinnern noch an die Waldbrände von 2006.


Ich starte sehr früh alleine bei Dunkelheit meine letzte Etappe, denn ich will gegen 14h am Ende der Welt ankommen. Im Moment laufe ich mit 6 km/h, weil ich schnell in Finisterre ankommen will
Ich bin heute das erste Mal etwas nervös und kann es kaum erwarten das Kap zu sehen. Bereits jetzt auf dem Weg nach Finisterre läuft mir der ganze Camino nochmals wie ein Film vor den Augen ab. 

Der Pilger, der nach vorne strebt…


Mir wird bewusst, dass es der letzte Marsch sein wird auf dem Jakobsweg. Ob es aber der letzte lange Marsch bleiben wird, möchte und kann ich im Moment noch nicht beantworten. Es gäbe da noch viele schöne Routen z.B der GR20, welcher die wild-romantische Insel Korsika von Norden nach Süden durchzieht. Oder dann die beiden “hardcore” Fernwanderwege in den USA: der Appalachian Trail, kurz AT genannt, der im Osten der USA von Georgia im Süden nach Maine im Norden führt (3’300 km) Ein guter Film dazu heisst: “Frühstück mit Bären”oder den Pacific Crest Trail, kurz PCT gennant, der längste Fenwanderweg in den USA mit 4’279 km im Westen der USA, der an der kalif.-mex. Grenze beginnt und hoch an der Grenze zu Kanada endet. Er führt durch die Wüste und über hohe Berge, eine echte Knacknuss. Ob ich aber je einen dieser wirklich langen Wege marschieren werde ist noch völlig offen. Sagen wir mal so: es ist eine Option.

In der Iglesia de Santa Maria das Areas wird der Santo Christo de Finisterre (Schutzheilige) verehrt

The last Frontière 

Fisterra – das Ende der Welt

Dann ist es soweit: ich komme zuerst im Hafenstädtchen Finisterre an, wo auch die Albergue Municipal steht, die die begehrte Urkunde ausstellt. Viele Pilger stehen jetzt schon draussen an, weil die Albergue erst um 14h öffnet. 


Nur Pilger, die zu Fuss, mit dem Fahrrad oder mit dem Pferd den Weg bis hierher geschafft haben, dürfen hier übernachten 


…und erhalten die begehrte Urkunde

Ich entscheide mich deshalb zuerst die letzen 3 km zum Leuchtturm zu laufen. Denn dort steht der km 0 Stein und im Leuchturm erhalte ich den letzen Stempel im Pilgerpass. 

Bei der Ankunft bei km 0 laufen mir Freudentränen über die Wangen und ich kann mein Glück und Dankbarkeit kaum in Worte fassen. 

Ich umarme den “Stein des Glücks”

Glück, dass ich es geschafft habe die 860 km von St. Jean Pied de Port bis hierher ans Ende der Welt geschafft zu haben. Ich bin froh und dankbar, dass meine Füsse, meine Beine und mein ganzer Körper die Strapazen der letzten knapp 5 Wochen mehr oder weniger gesund und schadlos (abgesehen von den Blasen) überstanden hat. Ich weiss nun, im Prinzip könnte ich im Moment noch längere Strecken laufen. Aber ich bin mir auch bewusst und Realist genug zu wissen, dass ich älter werde und auch mein Körper altert. Trotzdem bin ich auch ein wenig stolz, dass ich es soweit geschafft habe, das Ende der Welt zu erreichen. Hier nun schliesst sich der Kreis. Vor 3 Jahren haben wir das Kap Finisterre mit YAKIRA umrundet und jetzt hab ich es zu Fuss bis zum “Faro” geschafft.


Costa da Morte, Todesküste, heisst Galiciens Nordwesten. Unzählige Schiffe sanken in diesen unberechenbaren Gewässern. Die letzte grosse Katastrophe ereignete sich 2002 mit dem Untergang des Öltankers Prestige. Damals gelangten 70’000 Tonnen Schweröl ins Meer. Zehntausende Seevögel verendeten. Für Galiciens Küste, die vom Fischfang und der Muschelzucht lebt, war dies damals ein ökologisches und ökonomisches Desaster. Inzwischen hat sich die Natur weitgehend erholt aber der Unfall ist nicht vergessen. 


Schon zu Beginn der Pilgerzeit haben viele Pilger ihre Wanderung bis hierher nach Finisterre (galicisch Fisterra, lat. Finis Terrae) bis ans Ende der Welt fortgesetzt. Die Menschen im Altertum glaubten, dass die Welt hier zu Ende ist. Die wie ein Finger in den Atlantik ragende Landzunge war schon für die Phönizer, Kelten und Römer ein mystischer Ort. Hier feierten sie ihre Fruchtbarkeitsriten. Nach dem Auffinden des Apostelgrabes erwachte die Faszination für das “Ende der Welt” neu. Eine christliche Rechtfertigung erhielt sie im Mittelalter mit den in Finisterre angesiedelten Jakobuslegenden. Doch auch jenseits jeglicher Ideologie ist es immer eines geblieben: ein ganz spezieller Ort mit seiner ganz eigenen Magie und Mystik. Seit 2007 gehört das Kap Finisterre aufgrund seiner einzigartigen Lage und Geschichte zum Europäischen Kulturerbe. 
In der Zwischenzeit hab ich auch die aus dem Mittelalter überlieferte Tradition, die sich bis heute hält, herausgefunden:

1. Bad im Meer – nackt

2. die auf der Wanderung getragene Kleider oder Teile davon sollen beim Leuchtturm verbrennt werden

3. Betrachten des Sonnenuntergangs am gleichen Abend

Wenn man in dieser Reihenfolge das Ritual ausgeführt, wird man am nächsten Tag als neuer Mensch erwachen, verspricht es.


Ob ich das Ritual befolgt habe und als neuer Mensch am nächsten Morgen erwacht bin, lass ich offen. Nicht soviele wie nach Santiago aber doch ein paar vielleicht hundert Pilger sind heute wie ich in Finisterre, am Ende der Welt, angekommen. Ich kenne deren Beweggründe nicht, warum sie den Weg bis hierher fortgesetzt haben. Ich kenne ihn nur für mich. Ich kann mit gutem Gewissen sagen: ja, es hat sich für mich gelohnt und ich hoffe ich konnte Euch allen, die ich mit meinen Schilderungen an der Reise teilnehmen liess, eine Freude bereiten.


Der Blick über’s Meer in die Zukunft… was sie wohl bringen wird?

Ich werde in den nächsten Tagen noch ein paar Tipps für die Packliste geben, falls es wie ich vermute ein paar Leute geben wird, die wunderschöne und lohnende Reise auch machen wollen. Ob am Stück oder in jährlichen Etappen, spielt dabei keine Rolle. Auch nicht ob als normaler, light, zero oder hardcore Pilger. Hauptsache Ihr macht Euch auf Euren  eigenen Weg und glaubt mir, Ihr werdet es nicht bereuen. 

Mein nächstes Abenteuer geht auf’s Wasser 


Don’t dream your life – live your dream!

Ultreia

Markus